Was wurde aus…Jean-Marc Bosman?
Den Fussballer Bosman kennt kaum jemand. Den Transfer-Revoluzzer Bosman kennt jeder, nach ihm ist sogar das wichtigste Urteil im Transferwesen des Fussballs benannt. Wie kam es dazu?
Juni 1990: Jean-Marc Bosman verzofft sich mit seinem Club, dem RFC Lüttich. Sein Vertrag läuft aus, einen neuen soll er nur bekommen, wenn er sich mit 60% weniger Gehalt zufrieden gibt. Bosman, der eine Frau und eine Kind versorgen muss, will deshalb zum französischen Zweitligisten Dünkirchen wechseln. Doch Lüttich will umgerechnet 800.000 EUR Ablöse haben – für einen unterdurchschnittlich talentierten Rumpel-Kicker wie Bosman eine schwachsinnige Summe. Dünnkirchen holt ihn nicht, Lüttich entläßt den damals 26-jährigen Bosman (vorerst) in die Arbeitslosigkeit.
August 1990: Bosman verklagt den FC Lüttich und den belgischen Fußballverband auf Schadenersatz, weil man ihn beim Wechsel behinderte. Er sah sich im Recht auf freie Wahl des Arbeitsplatzes eingeschränkt.
November 1990: Ein belgisches Gericht erlaubt Bosman, ablösefrei nach Frankreich zu wechseln. Dagegen klagt der belgische Verband.
Mai 1991: Das Lütticher Berufungsgericht trifft die Grundsatzentscheidung, Bosman dürfe wechseln. Das Gericht ruft danach den EU-Gerichtshof an. Dieses soll Gesetze über die freie Wahl des Arbeitsplatzes in Europa ganz vereinheitlichen.
Januar 1992: Bosman kehrt nach Belgien zurück und sein Antrag auf Arbeitslosengeld wird abgelehnt.
März 1995: Berufung der UEFA, belgischem Verband und dem FC Lüttich wird abgeschmettert.
Juni 1995: Prozeßbeginn vor dem EU-Gerichtshof in Luxemburg. Bosman verlangt Schadenersatz (1.000.000 Dollar).
November 1995: Offener Protestbrief der UEFA gegen die mögliche Entscheidung des Gerichtes zugunsten von Bosman.
24. November 1995: FIFA unterstützt UEFA.
15. Dezember 1995: Der EU-Gerichtshof fällt sein Urteil (nach fünf Prozessjahren!) zugunsten von Bosman und kippte mit seinem Grundsatzurteil das Transfersystem: Statt maximal dreier Ausländer durften fortan beliebig viele Fußballer aus EU-Staaten eingesetzt werden. Die Ablösesummen nach Vertragsende entfielen. Durch das Wettbieten um die besten Spieler explodierten deren Gehälter. Eine Revision des Urteils ist nicht möglich.
Seither dürfen die Klubs keine Ablösesumme verlangen, wenn der Vertrag eines Spielers ausläuft. Das hat für die Spieler den doppelten Vorteil, dass sie erstens bei einem Vereinswechsel ein fettes Handgeld kassieren und zweitens bei ihren Arbeitgebern höhere Löhne verlangen können. Die Klubs müssen häufig einlenken, wenn sie den Spieler nicht verlieren wollen. «Das Urteil hat längerfristig dazu geführt, dass das Lohnniveau gestiegen ist», sagt Bernhard Heusler, Vizepräsident des FC Basel. Manager Allofs von Werder Bremen beschreibt die neuen Gegebenheiten so, dass „ein Dreijahres-Vertrag im Grunde nur noch ein Zweijahres-Vertrag ist“; vor dem letzten Jahr müsse man sich schon wieder mit dem Spieler zusammensetzen um a) über eine Verlängerung zu verhandeln (was meist eine Steigerung des Gehaltes für den Spieler mit sich bringt) oder b) ihn zu einem Wechsel ermutigen, um noch Ablöse zu bekommen.
Bei all dem Hickhack, dem Transfer-Gerangel, den Gerichtsprozessen und dem finalen Urteil ist Bosman die ärmste Sau von allen. Statt sich auf seine Karriere zu konzentrieren, hechelt er von einem Gerichtstermin zum nächsten. Er kickt noch eine kurze Zeit in unteren Klassen, beendet schließlich mit 28 seine Karriere.
Es folgen die Scheidung von seiner Frau, Suff, Depression, Armut. Bosman lebt heute von rund 700 EUR Sozialhilfe im Monat, in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung in der Nähe von Lüttich mit seiner neuen Freundin und dem gemeinsamen Kind.
Wenn Michael Ballack ablösefrei von Bayern zu Chelsea wechselt und sich dabei dumm und dämlich verdient, wenn Spielerberater jeden Sommer ihre Spieler feilbieten wie Playstations auf eBay und dabei ordentlich Provision kassieren, wenn Albert Streit bei Schalke einen so hoch dotierten Vertrag hat, dass es ihm egal ist, ob er ein der zweiten Mannschaft spielt (man spricht von rund 2 Mio. EUR netto im Jahr), wenn so viel Geld von a nach b wandert, dann hat das viel mit Bosman und seinem Kampf vor den Gerichten zu tun. Bosman selbst hat von all dem Geld nie etwas gesehen. Und wird für Stammtisch-Schlaumeier und Vereins-Funktionäre trotzdem immer der Sündenbock bleiben.
Einzelnachweise:
http://www.derwesten.de/sport/fussball/Jean-Marc-Bosman-ist-durch-die-Hoelle-gegangen-id2346252.html
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