Was wurde eigentlich aus Thomas Brolin?

Zusammen mit Martin Dahlin war er DER schwedische Star bei der EM 1992 im eigenen Land. Bei der WM zwei Jahre später in den USA wurde er ins Allstar-Team gewählt.

 

„Babyface“ Brolin war der Schrecken der Abwehrspieler. Er konnte dribbeln, den tödlichen Pass spielen oder schießen – in Strafraumnähe war er kaum zu stoppen. Mit ebenjenem Dahlin und Sturmtank Kennet Andersson bildete er schon ein magisches Dreieck, bevor die Leute in Stuttgart überhaupt wussten, was das sein soll.

 

Thomas Brolin, geboren am 29. November 1969 in Hudiksvall war eines dieser ewigen Talente, die der Fußball immer wieder hervorbringt; und bei denen man sich jedes Mal wieder auf’s neue fragt, wie und wo genau in der Karriere eigentlich der Knick kam… Aufgestiegen wie ein Komet aus den Niederungen der schwedischen Fußballprovinz, im Eiltempo zum kommenden Weltstar hochgejazzt, nach Italien gewechselt (wohion sonst?!), noch schneller und noch kometenhafter wieder verglüht. Wie kann man aus so viel Talent so wenig machen? Wie kann sein, dass Querpassweltmeister Carsten Ramelow nur ein Länderspiel weniger hat (nämlich 46) als dieser begnadete Offensiv-Allrounder (mit 47)?

 

1984 – er war noch nicht einmal 15 Jahre alt – machte er sein erstes Spiel bei den Profis des Näsvikens IK. Ein paar Jahre später, 1990, wechselte er vom IFK Norrköping zum AC Parma, als der italienische Club gerade in die Serie A aufgestiegen war. 1992 gewinnt er mit den „Gialloblù“ die Coppa Italia, 1993 den Pokalsieger-Cup und den UEFA-Super-Cup, schießlich 1995 UEFA Cup. Stolze Sammlung. Zum Vergleich: Mittelfinger-Wedler Stefan Effenberg hatte da gerade mal mit Gladbach den DFB-Pokal gewonnen; und hatte ein Jahr zuvor noch mit dem AC Florenz in der Serie B gekickt.

 

Doch dann ging es langsam bergab: Damals, vor den Zeiten des Bosman-Urteils, durften in Italien pro Spiel nur drei Nicht-Italiener auf dem Feld stehen. Der Kolumbianer Faustino Asprilla, der Argentinier Sergio Berti, dazu noch der teure SSC-Neapel-Neuzugang Gianfranco Zola – im Sturm wurde es eng für den blonden mit dem schwedischen Pass.

 

Dazu kommen die Verletzungen. Im November 1994, in einem Qualifikationsspiel für die Europameisterschaft 1996 in England (Schweden sollte sich übrigens nicht qualifizieren) brach Brolin sich den Mittlefuß. Eine Verletzung, von der er sich für den Rest der Saison nie mehr so richtig erholte. Zu Beginn der Saison 1995/1996 holte Parma dazu noch Hristo Stoichkov, den Stürmerstar des „Dreamteams“ vom FC Barcelona. Ein klares Signal an Brolin: Du wirst hier nicht mehr gebraucht! Angebote von drei verschiedenen italienischen Klubs schlug er aus, statt dessen ging er ins Mutterland des Fußballs, zu Leeds United. Ein Sturm mit Tony Yeboah (ja, der!!) und Brolin – klingt nicht schlecht, oder? In zwei Jahren machte er ganze 20 Spiele, in denen er kümmerliche 4 Tore schoss. Er verzoffte sich mit seinem Trainer Howard Wilkinson, weil er nicht genug für die Defensive arbeitete. Im Mai 1996 flog er nach Schweden, um sich dort von einem Spezialisten vernarbtes Gewebe von seinem Sprunggelenk entfernen zu lassen – die langwierige Knöchelverletzung sollte ihn fast seine gesamte Karriere begleiten. Später, in einem Spiel gegen den FC Liverpool schlurfte er so lustlos über das Feld, dass Leeds überhaupt nicht traurig war, einen solchen Spieler los zu werden. Grund: Er musste auf dem Flügel spielen. Die „rechte Seite rauf und runter zu rennen wie ein Idiot“ kam für den Möchtegern-Weltstar nicht in Frage. So einer wie er gehöre in die Zentrale, eine Position, für die man ihn schließlich einst gekauft habe.

 

Im Transferfenster des Sommers 1996 wollte Brolin wirklich keiner mehr haben. Zum Leeds-Training erschien er einfach nicht, weswegen ihm Trainer Wilkinson sein Gehalt strich. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wechselte er auf Leihbasis zum FC Zürich. Dort verdiente er den Mindestlohn, den die Schweizer Spielergewerkschaft damals vorgab: umgerechnet 940 EUR pro Woche. Später platzte ein Wechsel zu Sampdoria Genua an der medizinischen Untersuchung; eine Metallklammer (und wieder!) im rechten Knöchel bereitete Probleme.

 

Er zahlte schließlich 750.000 EUR aus seiner eigenen Tasche, damit er sich für den Rest der Saison zu seinem alten Arbeitgeber AC Parma ausleihen lassen konnte. Im Sommer 1997 hatte Real Saragossa Interesse an ihm, aber der Wechsel platzte, weil Brolin die spanische Transfer-Deadline verpennt hatte. Dem schottischen Erstligisten Heart of Midlothian war er nicht fit genug. Er blieb zunächst in Leeds und hielt sich in der Reserve fit. Einmal zahlte er 90.000 Pfund Strafe, weil er nicht zu einem Spiel erschienen war. Angeblich, weil er mit seinem Vater dessen 50. Geburtstag feiern wollte. Für 200.000 EUR kaufte ihn Leeds am Ende der Saison schließlich aus seinem Vertrag heraus. 2003 gab es eine Umfrage unter den Fans von Leeds United; Thomas Brolin „gewann“ den Preis als schlechtester noch lebender Transfer in der Vereinsgeschichte. Ein beliebter Witz im Umfeld des Vereins: Einen Großteil von seinen 4,5 Mio. Pfund Ablöse hat er den umliegenden Gastronomen mit seinen Mampf-Orgien wieder zurückgezahlt.

Sein letztes Jahr stolperte er für Crystal Palace über den Platz. Nach 0 Toren in 13 Spielen beendete er im Mai 1998 seine Karriere. Es gab in Schweden mal ein Presse-Foto, das kurz danach entstanden ist. Da steht er mit 10 kg zu viel in der 4. Schwedischen Liga im Tor. Mit 28.

Nach dem Ende seiner Karriere eröffnet er in seiner Heimat ein italienisch-schwedisches Restaurant mit dem Namen „Undici“ (= italienisch für „11“, die Nummer, die er beim AC Parma getragen hatte). Das Restaurant musste mehrere üppige Strafen zahlen, da Alkohol an Minderjährige verkauft wurde. Später wackelte er noch einmal in einem Musikvideo von Dr. Alban durchs Bild. Und bei einem Pokerturnier 2007 in Monte Carlo belegte er immerhin von 842 Spielern den 38. Platz. Im gleichen Jahr gewinnt Paolo Maldini (der ein Jahr älter ist) mit dem AC Mailand die Champion’s-League gegen den FC Liverpool. Was ist da schief gelaufen…?

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